Signal aus Chemnitz: Mehr Tempo bei Wasserstofftechnologien

Elektroboom oder Wasserstoff-Mekka? Die Gäste auf dem HZwo Connect-Podium waren sich einig, dass Sachsens Industrie beides kann und beides braucht. V. l. Dr. Carsten Czschenkusch/Werkleiter Vitesco Technologies Limbach-Oberfrohna, Prof. Dr. Ralf B. Wehrspohn/Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft, Gunda Röstel/Mitglied im nationalen Wasserstoffrat, Moderator Jürgen Pfeiffer, Andreas Nowak/verkehrspolitischer Sprecher der CDU Sachsen, Dr. Jörg Starr/vorsitzender der Clean Energy Partnership. Aus Brüssel bzw. Berlin zugeschaltet waren Jorgo Chatzimarkakis/Generalsekretär von Hydrogen Europe und Kurt-Christoph von Knobelsdorff/Geschäftsführer der NOW GmbH.
Elektroboom oder Wasserstoff-Mekka? Die Gäste auf dem HZwo Connect-Podium waren sich einig, dass Sachsens Industrie beides kann und beides braucht. V. l. Dr. Carsten Czschenkusch/Werkleiter Vitesco Technologies Limbach-Oberfrohna, Prof. Dr. Ralf B. Wehrspohn/Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft, Gunda Röstel/Mitglied im nationalen Wasserstoffrat, Moderator Jürgen Pfeiffer, Andreas Nowak/verkehrspolitischer Sprecher der CDU Sachsen, Dr. Jörg Starr/vorsitzender der Clean Energy Partnership. Aus Brüssel bzw. Berlin zugeschaltet waren Jorgo Chatzimarkakis/Generalsekretär von Hydrogen Europe und Kurt-Christoph von Knobelsdorff/Geschäftsführer der NOW GmbH. (Foto: Frank Reichel)
16.10.2020 | Redaktion Autoland

Wasserstoff ist ein Grundbaustein auf dem Weg zu klimaneutraler Energieversorgung, Mobilität und Industrieproduktion, vor allem, wenn er „grün“ erzeugt wird. Sachsen hat bei Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologien viel technisches Know-how zu bieten, wie Referenten und Diskussionsteilnehmer bei der Netzwerkkonferenz HZwo Connect am 15. Oktober 2020 in Chemnitz belegten. Sie verdeutlichten aber auch, dass der Freistaat einiges an Geschwindigkeit zulegen muss, um das selbsterklärte Ziel zu erfüllen, Vorreiter bei diesen Technologien zu werden.

Ein Haupthindernis ist der geringe Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromversorgung in Sachsen. Nicht zuletzt deshalb entschieden sich Automobil-Großinvestoren wie CATL für Thüringen und Tesla für Brandenburg. Gunda Röstel, Mitglied im nationalen Wasserstoffrat und Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden, forderte eine generelle „Renovierung im Haus Energiewende“ mit handhabbaren und zwischen den verschiedenen Ebenen Europa, Deutschland, Region harmonisierenden ordnungspolitischen Regeln, die den Aufbau einer Wasserstoff-Industrie befördern – ein Stichwort dazu heißt Erneuerbare-Energie-Gesetz.

Brennstoffzellenantrieb besitzt großes Wertschöpfungspotenzial

Dass Wasserstoff zukünftig im Mobilitätssektor eine große Rolle spielen wird, betonten Prof. Dr. Thomas von Unwerth, Direktor des Instituts für Automobilforschung an der TU Chemnitz, und Prof. Dr. Welf-Guntram Drossel, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IWU. Beide Wissenschaftler stehen zugleich auch dem Innovationscluster HZwo e. V. vor. Der Verein hat HZwo Connect in Zusammenarbeit mit dem sächsischen Umweltministerium organisiert. Für Prof. von Unwerth steht fest: „Wer sich heute nicht mit Komponenten für Brennstoffzellenfahrzeuge befasst, der wird in zehn Jahren das Nachsehen haben.“ Chemnitz ist mit der engen Kooperation zwischen dem 42 Mitglieder zählenden Innovationscluster HZwo, der Technischen Universität und dem Fraunhofer IWU ein wichtiger Impulsgeber in Sachen Forschung und Transfer für die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie, u. a. mit einem europaweit führenden Brennstoffzellenlabor.

Eine zentrale Fragestellung der Netzwerkkonferenz lautete „Elektroboom oder Wasserstoff-Mekka: Wie schafft Sachsen die Antriebswende?“ Entscheidend sei, mit welcher Brille man auf den Antrieb schaue, so Prof. Dr. Ralf B. Wehrspohn, Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft. „In Sachen Effizienz ist sicher die Batterieelektrik vorn, in Sachen Wertschöpfung jedoch die Brennstoffzellentechnik. Sie bietet größeres Potenzial als die batterieelektrische Mobilität.“ Prof. Wehrspohn bezifferte das Teilespektrum für das Brennstoffzellenaggregat auf etwa 3000, davon 2000 für den Stack. Ein konventioneller Verbrennungsmotor besteht aus etwa 2500 Teilen, ein Elektromotor aus ca. 250. Die zum Teil per Livestream in das Carlowitz Congresscenter Chemnitz zugeschalteten Diskussionsteilnehmer waren sich einig, das sowohl die batterie- als auch die wasserstoff-elektrische Mobilität für die Verkehrswende notwendig sind und gerade der letztgenannte Pfad von der sächsischen Automobilzulieferindustrie gut bedient werden kann. Schwerlastverkehr, ÖPNV, Flugverkehr und Schifffahrt benötigen Wasserstofftechnologien, auf diesen Feldern habe batterieelektrische Mobilität keine wirtschaftlich abbildbaren Chancen. In ca. zehn Jahren werden auch Wasserstoff-Pkw in Größenordnungen hergestellt. Prognosen sprechen hier von elf Millionen Fahrzeugen sowie von einer halben Million Lkw weltweit.

Notwendig sind intelligente Schnittstellen

Auf dem Weg dorthin gibt es noch viel zu tun. Notwendig ist die Schaffung intelligenter Schnittstellen zwischen Strom, Wasserstoff und seinen Derivaten, ebenso braucht es Menge und Struktur für die Herstellung von grünem Wasserstoff. In Sachsen ansässige Unternehmen und Einrichtungen stehen dafür bereit. So ist mit Sunfire ein Spezialist zur effizienten Erzeugung von erneuerbarem Wasserstoff für die Industrie in Dresden ansässig. Mit dem Know-how bei der Elektrolyseur- und Brennstoffzellentechnik sowie rund 250 Mitarbeitern gehört es zu den größten Unternehmen auf diesem Gebiet im internationalen Maßstab. Linde Engineering Dresden und dem Siemens-Wasserstoff-Campus in Görlitz sind weitere Player vor Ort.

Gestandene Branche nicht an die Wand fahren

Generell wünschten sich die Anwesenden aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik eine noch engere Taktung, um Forschungsergebnisse schneller in Produkte und Leistungen umzusetzen, mit denen Sachsen nationale und internationale Marktpositionen besetzen kann, so wie es die noch zu erstellende Wasserstoffstrategie des Freistaates vorsieht. Dazu gehört, die beiden großen Umbrüche in Sachsen, den Ausstieg aus der Braunkohle und den Strukturwandel in der Automobilindustrie eng zu verzahnen, wie Christoph Neuberg von der IHK Chemnitz in der Diskussion betonte: „Es darf nicht passieren, dass man in der Lausitz mit viel Geld ‚Potemkinsche Dörfer‘ aufbaut und in der Wirtschaftsregion Chemnitz eine gestandene Branche an die Wand fährt.“ Mit dem HZwo-Netzwerk besitzt die Region eine wirkungsvolle Plattform, um Unternehmen aus konventionellen Bereichen in die neue Mobilitätswelt zu führen. Dieser Prozess müsse noch stärker unterstützt werden.

Hier geht es zum Partnermemorandum der IHK Chemnitz und der Wirtschaftsförderer der Region.

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